Wer Rechtsanwalt, Richterin oder Staatsanwalt werden möchte, braucht in Deutschland einen langen, klar geregelten Ausbildungsweg. Das klassische Studium der Rechtswissenschaft führt über die Erste Juristische Prüfung, das Referendariat und das Zweite Staatsexamen zum Volljuristen. Ich zeige, wie das Studium aufgebaut ist, welche Voraussetzungen gelten, was es kostet und wann ein LL.B.-Studiengang die bessere Alternative sein kann.
Der Weg zum Volljuristen dauert länger als ein gewöhnliches Bachelorstudium
- Abschluss: Das klassische Jurastudium endet mit der Ersten Juristischen Prüfung, nicht automatisch mit einem Bachelor.
- Studienzeit: Die Regelstudienzeit liegt je nach Universität meist bei 9 bis 10 Semestern.
- Prüfungen: Auf das Studium folgen ein zweijähriges Referendariat und das Zweite Staatsexamen.
- Fächer: Im Mittelpunkt stehen Zivilrecht, Strafrecht und Öffentliches Recht.
- Berufsziel: Erst zwei bestandene Staatsprüfungen eröffnen den klassischen Weg in Anwaltschaft, Justiz und höhere Verwaltungsberufe.
Was bedeutet ein Studium zum Juristen in Deutschland?
Das klassische Studium der Rechtswissenschaft ist ein Universitätsstudium mit staatlicher Prüfung. Es vermittelt nicht nur Gesetzeswissen, sondern vor allem die Fähigkeit, unbekannte Fälle systematisch zu lösen, Ansprüche zu prüfen und rechtlich überzeugend zu argumentieren.
Anders als bei vielen Bachelorstudiengängen gibt es zunächst keinen einheitlichen Hochschulabschluss. Die Erste Juristische Prüfung besteht aus der staatlichen Pflichtfachprüfung und der universitären Schwerpunktbereichsprüfung. Nach dem Deutschen Richtergesetz fließen beide Teile mit unterschiedlichen Gewichtungen in die Gesamtnote ein. Die staatliche Pflichtfachprüfung hat dabei das größere Gewicht.
Wer nur die erste Prüfung besteht, ist juristisch qualifiziert, aber noch kein Volljurist. Erst nach dem Referendariat und dem Zweiten Staatsexamen besitzt man die Befähigung zum Richteramt. Damit stehen unter anderem der Beruf als Rechtsanwalt, Richter oder Staatsanwalt offen, wobei für einzelne Tätigkeiten zusätzliche Voraussetzungen und Auswahlverfahren gelten.
Meine klare Einschätzung lautet deshalb: Wer möglichst viele juristische Berufsmöglichkeiten offenhalten möchte, sollte den Staatsexamensstudiengang wählen. Wer dagegen gezielt in Compliance, Personal, Vertragsmanagement oder Wirtschaftsberatung arbeiten möchte, kann mit einem spezialisierten Bachelor schneller in den Beruf starten.
So ist das Jurastudium aufgebaut
Die konkrete Studienordnung unterscheidet sich zwischen den Bundesländern und Universitäten. Der Grundaufbau bleibt jedoch ähnlich. Im Vollzeitstudium sind neun bis zehn Semester vorgesehen, in der Praxis überschreiten viele Studierende diese Zeit, vor allem wegen der intensiven Examensvorbereitung.
| Studienphase | Typische Inhalte | Worauf es ankommt |
|---|---|---|
| Grundstudium | Einführung in Zivilrecht, Strafrecht und Öffentliches Recht | Grundverständnis, erste Klausuren und Zwischenprüfung |
| Hauptstudium | Vertiefung der drei großen Rechtsgebiete und Verfahrensrecht | Anspruchsaufbau, Falllösung und juristische Methodik |
| Schwerpunktbereich | Zum Beispiel Medizinrecht, Arbeitsrecht, Wirtschaftsrecht oder Strafrecht | Eigene Interessen vertiefen und universitäre Prüfung absolvieren |
| Examensvorbereitung | Wiederholung des Pflichtfachstoffs und Klausurtraining | Zeitmanagement, saubere Gutachten und Prüfungssicherheit |
| Erste Juristische Prüfung | Staatliche Pflichtfachprüfung und Schwerpunktprüfung | Schriftliche und mündliche Prüfungsleistungen |
Im Studium lernst du nicht einfach Paragrafen auswendig. Eine typische Klausur schildert einen Lebenssachverhalt, aus dem du die rechtlich relevanten Fragen herausarbeiten musst. Danach prüfst du Tatbestandsmerkmale, wendest Normen an und begründest dein Ergebnis im Gutachtenstil. Dieser Stil folgt meist dem Muster „Obersatz, Definition, Subsumtion und Ergebnis“.
Lesen Sie auch: Soziologie studieren - Inhalte, Methoden und Berufsfelder
Die drei großen Rechtsgebiete
Das Zivilrecht regelt Rechtsbeziehungen zwischen Privatpersonen und Unternehmen, etwa bei Kaufverträgen, Schadensersatz oder Eigentum. Im Strafrecht geht es um strafbares Verhalten und die Voraussetzungen staatlicher Bestrafung. Das Öffentliche Recht behandelt das Verhältnis zwischen Staat und Bürgern sowie die Organisation staatlicher Stellen.
Ergänzt werden diese Bereiche durch Grundlagenfächer wie Rechtsgeschichte, Rechtsphilosophie, Rechtssoziologie und Europarecht. Dazu kommen je nach Universität ein Fremdsprachennachweis, Schlüsselqualifikationen und praktische Angebote wie Moot Courts. Ein Moot Court ist eine simulierte Gerichtsverhandlung, in der Studierende anwaltliche oder richterliche Rollen übernehmen.
Ich halte gerade die Grundlagenfächer für wertvoll, auch wenn sie anfangs weniger prüfungsnah wirken. Sie helfen dabei, Rechtsnormen nicht isoliert zu betrachten, sondern ihre Entstehung, Funktion und gesellschaftliche Wirkung zu verstehen.
Welche Voraussetzungen und Bewerbungsregeln gelten?
In der Regel brauchst du das Abitur oder eine gleichwertige Hochschulzugangsberechtigung. Je nach Bundesland können auch eine fachgebundene Hochschulreife, eine Meisterprüfung oder eine anerkannte berufliche Qualifikation den Zugang ermöglichen.
Ob du sofort einen Studienplatz bekommst, hängt von der jeweiligen Hochschule ab. Manche Fakultäten sind zulassungsfrei, andere haben einen örtlichen NC oder ein eigenes Auswahlverfahren. Der NC ist keine dauerhaft festgelegte Note, sondern ergibt sich erst nach dem Bewerbungsverfahren aus der Nachfrage und den vorhandenen Studienplätzen.
Vor der Bewerbung prüfe ich immer vier Punkte besonders genau:
- Ist der Studiengang zulassungsfrei oder zulassungsbeschränkt?
- Beginnt das Studium nur im Wintersemester oder auch im Sommersemester?
- Welche Frist gilt für die Bewerbung oder Einschreibung?
- Welche Leistungsnachweise verlangt die Fakultät bis zur Zwischenprüfung?
Internationale Bewerberinnen und Bewerber müssen zusätzlich ihre Hochschulzugangsberechtigung anerkennen lassen und ausreichende Deutschkenntnisse nachweisen. Die geforderte Sprachprüfung und das verlangte Niveau unterscheiden sich. Wer später juristische Klausuren auf Deutsch schreiben möchte, sollte die Sprache deutlich sicherer beherrschen als für ein alltägliches Studium.
Die Wahl des Studienorts sollte nicht allein vom Ruf der Universität abhängen. Entscheidend sind auch die Betreuung im Grundstudium, die Qualität der Examensvorbereitung, die Wohnkosten und die Regelungen des jeweiligen Landesjustizprüfungsamts.
Erste Prüfung, Referendariat und Zweites Staatsexamen
Nach dem universitären Teil folgt die staatliche Pflichtfachprüfung. Sie besteht aus mehreren schriftlichen Klausuren und einer mündlichen Prüfung. Anzahl, Dauer und genaue Ausgestaltung unterscheiden sich zwischen den Bundesländern, weshalb die Prüfungsordnung des Studienorts früh gelesen werden sollte.
Die Examensvorbereitung ist für viele der anspruchsvollste Abschnitt. Ich rate dazu, nicht erst wenige Monate vor der Prüfung mit echten Examensklausuren zu beginnen. Besser ist es, schon im Hauptstudium regelmäßig Fälle unter Zeitdruck zu lösen und die eigenen Fehler schriftlich auszuwerten.
Wer die Erste Juristische Prüfung bestanden hat, kann in den juristischen Vorbereitungsdienst eintreten. Das Referendariat dauert grundsätzlich zwei Jahre und verbindet Theorie mit praktischer Ausbildung. Typische Stationen führen an ein Zivilgericht, zur Staatsanwaltschaft oder zu einem Strafgericht, in eine Verwaltungsbehörde und zu einer Rechtsanwältin oder einem Rechtsanwalt.
Eine Wahlstation erlaubt meist eine stärkere Spezialisierung. Möglich sind etwa eine internationale Kanzlei, ein Unternehmen, ein Ministerium oder eine Organisation. Die schriftlichen Prüfungen des Zweiten Staatsexamens liegen normalerweise im späteren Verlauf der Ausbildung, die mündliche Prüfung schließt den Vorbereitungsdienst ab.
Erst nach dem Zweiten Staatsexamen gilt der klassische Ausbildungsweg als abgeschlossen. Die Note spielt dabei eine große Rolle, weil viele Kanzleien und staatliche Arbeitgeber bestimmte Punktzahlen erwarten. Gleichzeitig sind gute Noten nicht der einzige Erfolgsfaktor. Praktische Erfahrung, überzeugendes Schreiben, Verhandlungsgeschick und ein klares Fachprofil werden im Berufsleben immer wichtiger.
Staatsexamen oder LL.B. und Wirtschaftsrecht?
Neben dem klassischen Weg gibt es Bachelorstudiengänge wie Wirtschaftsrecht, Unternehmensjurist oder International and Comparative Law. Sie schließen in der Regel nach sechs bis acht Semestern mit einem Bachelor of Laws ab und führen schneller zu einem ersten akademischen Abschluss.
| Kriterium | Rechtswissenschaft mit Staatsexamen | LL.B. oder Wirtschaftsrecht |
|---|---|---|
| Dauer | Meist 9 bis 10 Semester bis zur Ersten Prüfung | Oft 6 bis 8 Semester |
| Abschluss | Erste Juristische Prüfung, später Zweites Staatsexamen | Bachelor of Laws |
| Rechtsanwalt oder Richter | Nach zwei Prüfungen grundsätzlich möglich | Allein mit dem Bachelor nicht möglich |
| Typische Berufsfelder | Kanzlei, Justiz, Verwaltung, Unternehmen, Wissenschaft | Compliance, Vertragsabteilung, Personal, Beratung, Verwaltung |
| Flexibilität | Breite juristische Berufszulassung | Früher Berufseinstieg, aber begrenzter Zugang zu reglementierten Berufen |
Ein LL.B. ist deshalb kein „kleines Staatsexamen“. Er vermittelt je nach Studiengang anwendungsbezogene Rechtskenntnisse, ersetzt aber nicht die beiden Staatsprüfungen für den klassischen Anwalts- oder Justizberuf. Manche Universitäten bieten kombinierte Modelle an, bei denen ein Bachelor parallel zum Staatsexamensstudium erworben werden kann. Die Details solltest du direkt bei der Fakultät prüfen.
Ich würde die Alternative vor allem dann wählen, wenn das Berufsziel bereits klar in der Wirtschaft liegt. Wer noch zwischen Kanzlei, Gericht, Verwaltung und Unternehmen schwankt, fährt mit dem klassischen Studiengang meist sicherer.
Mit welchen Kosten und Belastungen solltest du rechnen?
An staatlichen Universitäten fallen meist keine allgemeinen Studiengebühren an. Zu jedem Semester kommt jedoch ein Semesterbeitrag von häufig etwa 150 bis 350 Euro, der unter anderem Verwaltung, Studierendenvertretung und oft ein Deutschlandsemesterticket finanziert. Die genaue Höhe hängt von Hochschule und Bundesland ab.
Für Bücher, Gesetzessammlungen und Lernmaterialien solltest du zunächst ungefähr 100 bis 250 Euro pro Semester einplanen. Vieles lässt sich gebraucht kaufen oder über die Universitätsbibliothek nutzen. Kostenpflichtige Repetitorien können deutlich teurer sein, während Hochschulen und Fachschaften teilweise kostenlose Klausurenkurse anbieten.
Die größten Ausgaben entstehen durch Miete und Lebenshaltung. Als grobe persönliche Planungsgröße halte ich 900 bis 1.300 Euro pro Monat für realistisch, in besonders teuren Universitätsstädten auch mehr. BAföG, Stipendien, Nebenjobs und die Unterstützung der Familie können helfen, aber ein Nebenjob sollte die Examensvorbereitung nicht dauerhaft verdrängen.
Die Belastung ist nicht nur finanziell. Das Studium verlangt über Jahre kontinuierliches Lernen, und die Abschlussnoten entstehen in wenigen entscheidenden Prüfungen. Wer unter Prüfungsangst leidet oder familiär stark gebunden ist, sollte früh Beratungsangebote, Teilzeitmodelle oder psychologische Unterstützung nutzen. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern vernünftige Studienplanung.
So triffst du eine realistische Entscheidung
Vor der Einschreibung empfehle ich, mindestens eine echte Klausur aus dem Zivilrecht, Strafrecht oder Öffentlichen Recht anzusehen. Du musst sie nicht lösen können. Entscheidend ist, ob dich die Art des Denkens interessiert: Sachverhalt ordnen, Normen finden, Gegenargumente abwägen und zu einem begründeten Ergebnis kommen.
Ein gutes Zeichen ist, wenn dir sorgfältiges Lesen und logisches Schreiben liegen. Reines Interesse an Gerichtsserien reicht dagegen kaum aus. Im Alltag besteht ein großer Teil der Arbeit aus Akten, Fristen, Recherche und präziser Textarbeit, also aus Aufgaben, die selten spektakulär wirken.
- Besuche eine Vorlesung oder einen Schnuppertag an der gewünschten Universität.
- Vergleiche Studienpläne und Angebote zur Examensvorbereitung.
- Informiere dich über NC, Bewerbungsfristen und Zwischenprüfung.
- Plane die Lebenshaltungskosten für mindestens zehn Semester.
- Entscheide zuerst nach dem angestrebten Beruf und erst danach nach dem Abschlussnamen.
Wer diesen Weg bewusst wählt, muss nicht jeden Schritt perfekt planen. Ein solides Lernsystem, regelmäßiges Klausurtraining und realistische Erwartungen machen für mich deutlich mehr aus als der Versuch, schon im ersten Semester jedes Detail des gesamten Rechts zu beherrschen.
Die wichtigste Weichenstellung fällt vor der ersten Einschreibung
Das Studium zum Volljuristen ist lang, anspruchsvoll und stark von Prüfungen geprägt, bietet dafür aber die breiteste Auswahl juristischer Berufe. Ein LL.B.-Studiengang ist schneller und praxisnäher, führt jedoch nicht automatisch in Anwaltschaft oder Justiz. Prüfe deshalb zuerst dein konkretes Berufsziel, die Kosten am Studienort und die Anforderungen der jeweiligen Fakultät. Wenn diese drei Punkte zusammenpassen, wird aus einer vagen Idee eine tragfähige Studienentscheidung.
